Ernst Wawra

Ernst Wawra

Es gehört zu den wenig geschickten Komplimenten, einem Fotografen kund zu tun: statt mit dem Pinsel male dieser mit der Kamera. Dass nämlich ein Lichtbildner eine sensitive Beziehung zu der von ihm gestalteten Fläche haben sollte, gehört zu den Selbstverständlichkeiten, die man nicht extra hervorzuheben braucht. Ein Fotograf, der in seiner Arbeit nicht auch den Blick des Malers kultiviert, ist entweder Dilettant oder Paparazzo bei der Bild Zeitung. Nun trifft bei Ernst Wawra nicht nur das Malerische auf so besondere Weise zu, dass man ihm das Kompliment ruhig machen kann – seine aus der Luft geschossenen, geometrisch abstrakten Tableaus suggerieren zusätzlich zur Malerei eine weitere »artfremde« Kunstform: die Geburt der Fotografie aus dem Geist der Musik.

Die Ästhetik des feinsäuberlichen Nebeneinander findet bei Wawra seine malerische Entsprechung in der Antithese zum Action Painting: der Farbfeldmalerei der 1950er und 60er Jahre. Mit gedämpfter Farbpalette, einem oft wie getupft wirkenden »Pinselstrich« bekommt der unaufgeregte Panoramablick etwas aristokratisch Distinguiertes. Der weite Horizont verschafft Überblick über das Dickicht der Wahrnehmung und nimmt in der Perspektive des Feldherrenhügels die deutlich vornehmere Position ein, als die Froschperspektive der durch den Matsch von Emotion und Expression watenden Paparazzi der Bildzeitung auf ihrer Jagd nach dem goldenen Schuss.

Die synästhetische Entsprechung zur Musik findet sich bei Wawra im texturalen, meditativen Charakter seiner Bildproduktion. In der heutzutage selbstgewordenen pluralen Identität von Künstlern, die sich das Recht nehmen, ganz entspannt die Grenzen von Kunst, Video und Musik zu ignorieren, ist auch Ernst Wawras zweite Identität als Musiker/Produzent anzusiedeln. Sein Label Modul8 beherbergt ambitionierte Elektronik handverlesener Musiker-Kollegen und seine eigenen Produktionen mit der Band »Alphawezen«, deren atmosphärische Ambient-Landschaften ideale Soundtracks zu seiner Fotografie liefern – und umgekehrt.

Eine vergnügliche Assoziationsbrücke lässt sich übrigens von Wawras Arbeit zu den Büchern von Urs Wehrli bauen. Die Ordnungsliebe, die dieser in seinen Bestsellern »Kunst aufräumen« bis zum Exzess treibt, zelebriert Wawra mit deutlich geringeren autistischen Anteilen, aber mit vergleichbarer Eindringlichkeit und Eleganz.

(Gabor Baksay)

Kurzbiografie

1972 in Würselen geboren, studierte Ernst Wawra zunächst Jazz-Piano am Conservatorium Maastricht und anschließend Fotografie und Audiovisuelle Kommunikation an der Akademie der Bildenden Künste in Maastricht. Er besuchte Seminare und Workshops bei u.a. Martin Parr und Thomas Dworzak von Magnum Photos. Ernst Wawra komponierte und produzierte von 1999 bis 2009 vier Alben für die Aachen-Düsseldorfer Band Alphawezen. Auf seinem Plattenlabel Modul8 veröffentlichte er Tonträger u.a. für die Aachener Formation Elektro Willi und Sohn und die Berliner Band Mittekill. Seit 2005 ist Ernst Wawra Kameramann beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er lebt seit 25 Jahren in Aachen, arbeitet im Rahmen freier Projekte als Kameramann und Fotograf und ist Mitgründer der Fotografie-Gruppe SHIFT.

Ausstellungen (Auswahl)

(2018) 90° Von Oben,  13. Mai - 3. Juni 2018, Kunst- und Kulturzentrum Monschau
(2019) SHIFT PHOTO,  17. Februar - 31. März 2019, KuK Monschau (Gruppenausstellung)
(2019) Von Oben,  5. Juni - 30. Juni 2019, Galerie Gondwana, Berlin-Schöneberg
(2020) SCHMUCKKUNST 7,  26. Sept. - 25. Oktober 2020, Goldschmiede Förster, Aachen

Diskografie (Auswahl)

(2001) Alphawezen: L'après-midi d'un Microphone (Album)
(2004) Alphawezen: En Passant (Album)
(2008) Elektro Willi und Sohn: Diamanten (Album)

Filmografie (Auswahl)

(2004) Vermisst in Kaya Köyü (WDR), Regie: Dorothee Pitz
(2015) In Gottes Namen (WDR), Autorin: Katja Stephan
(2018) Mein Dom – die Aachener und ihr Welterbe (WDR), Regie: Katja Stephan

www.ernstwawra.de
www.alphawezen.com

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